Samstag, 28. August 2010

Respekt in Bishkek

Nach tiefem Schlaf wache ich am Morgen nach meinem Geburtstag um drei Uhr morgens auf. Scheinbar wurde ohne mich gefeiert (wie mir berichtet wird, war es nicht möglich mich zu wecken) und der einzige, der sich noch im Innenhof des Hostels aufhält ist ein Franzose auf dem Weg von Indien zurück nach Frankreich. Ich lasse mir seinen Plan vom Reisen mit möglichst wenig CO2 Ausstoß erklären... keine Langstreckenflüge nur mit Sammeltaxen, Bussen und Bahnen. Auf die Frage, was er so in Frankreich macht - Studium an der „école polytechnique“ in Paris. Scheint irgendwie zum französischen Militär zu gehören. Aber eine sehr gute Universität. Dafür läuft man dann auch mal bei der großen Militärparade zum Nationalfeiertag mit. Ich frage mich wie das zusammenpasst. Bei Militärparaden mitmarschieren, über einem Düsenjets die X-Tonnen CO2 in die Atmosphäre donnern und dann so wenig wie möglich CO2 beim Reisen... vielleicht ist es ja das schlechte Gewissen.In den nächsten Tagen beschäftigen wir uns nicht mehr besonders viel mit der Stadt, sondern versuchen zwanghaft einen preiswerten Flug zurück nach Berlin zu finden. Internet, Reisebüro, Internet, Reisebüro, anderes Reisebüro, usw. Wir werden natürlich falsch beraten und zahlen am Ende mehr als wir gemusst hätten.
Trotz aller Unwägbarkeiten scheint Bishkek irgendwie entspannter als viele andere Orte in Zentralasien zu sein. Wir treffen sogar mehrere Menschen, die freundlich zu uns sind. Die Verkäuferin im Reisebüro findet es so schade, dass wir keine Zeit haben uns Kirgistan anzuschauen, dass sie uns in das Haus ihrer Eltern auf dem Land einlädt. Wir lehnen dankend ab. Ansonsten kann man in der Stadt gut herumlaufen und sogar in einigen Parks ein bisschen flanieren. Der Stress der letzten Wochen fällt langsam von uns ab und wir gehen abends essen, spielen Tischtennis auf Platten, die im Park vermietet werden (anscheinend eine Hauptfreizeitbeschäftigung) und schlafen aus.In der Stadt sind immer wieder noch einige Spuren der gerade erst abgelaufenen Revolution zu sehen. Der Präsidentenpalast ist mit Tischen und Stühlen verbarrikadiert, aber Stück für Stück werden auch diese Zeugen des Umschwungs abgebaut und alles geht seinen normalen Gang.Seit Istanbul gibt es die ersten Menschen, die Musik auf der Straße machen und sogar ein paar skatende Jugendliche vor dem Denkmal für Lenin, dessen Sockel die Aufschrift "Linkin Park" trägt.Interessant ist auch der Unabhängigkeitsplatz, wo diverse Verkäufer allerlei Ramsch feilbieten und die Fassaden der umliegenden Häuser einfach vor Fabriken geklatscht wurden um den Platz schöner zu machen. Halb Kirgistan scheint sich vor dem Platz fotografieren zu wollen. Es macht Spaß diese Szenerie zu beobachten. Die Leute scheinen guter Dinge.
Stück für Stück sortieren wir Dinge aus und verschenken sie an andere Backpacker, die sie noch gebrauchen können. Unser Flugticket erlaubt nur 20 Kilo aufzugebendes Gepäck und 5 Kilo Handgepäck. Der Flug geht am Morgen des 29. und wir bereiten uns darauf vor am 28. das Hostel zu verlassen um dann die nächste Nacht auf dem Flughafen zu verbringen. Am vorletzten Abend, einem Freitag, wollen wir noch einmal richtig feiern gehen und klappern Stück für Stück Bishkeks Clubs ab. Der erste Club ist das Golden Bull, wo sich eine bunte Mischung aus Kirgisen und Ausländern treffen soll. Leider macht der Club schon von außen nicht gerade den Eindruck, als würde sich dort eine feierwütige Menschenmenge versammeln. Durch die Vorhänge gelugt – und tatsächlich – kein Mensch. Weiter geht es der lauten Musik hinterher ins „Barcadi“. Der Name scheint nicht zufällig gewählt. Überall sind große Werbeplakate des gleichnamigen Rums verteilt. Die Stimmung scheint gut, nur die dicken Autos vor der Tür machen stutzig. Wie sich raus stellt soll der Eintritt knappe 20€ p.P. kosten „aber dafür sind ein paar Getränke mit dabei“. Bereit mehr als für die besten Clubs in Berlin zu zahlen sind wir nicht und so landen wir nach einer Taxifahrt quer durch die Stadt in einem russischen Club mit Liveband. Die Musik ist gut, die Stimung leider nicht und so machen wir uns aufgrund von mangelnden weiteren Optionen auf den Heimweg. -Ohne getanzt zu haben eine ziemlich deprimierende Nacht- Wir haben uns seit Ashgabat, wahrscheinlich sogar seit dem Iran auf die Clubszene von Bishkek gefreut – und jetzt das. Zum Glück kommen wir noch an einem weiteren Club vorbei. Schnell die 300sum Eintritt bezahlt und rauf auf die Tanzfläche. Bei schlechter Elektromucke wird uns langsam klar, dass wir die einzigen Männer im Club sind. Egal. Es wird getanzt bis wir genug haben und einigermaßen zufrieden den Club wieder verlassen. Es scheint bezeichnend zu sein, ob nun für uns oder für das Nachtleben von Bishkek, das der einzige Club, indem wir zumindest ein bisschen tanzen konnten ein halbes Bordell ist.
Im Hostel wieder angekommen ist die Toilette des gemeinschaftlich mit der Etage genutzten Waschraumes völlig versifft. Ich mache mir keine weiteren Gedanken und benutze einfach die nächste Kabine. Aus der Dusche kommt mir ein völlig betrunkener japanischer Gast entgegen.
Der Zusammenhang zwischen ihm und der Toilette erschließt sich mir sofort, während die Verbindung zu mir und ND erst am nächsten Morgen klar wird.
Wir packen unsere Sachen um rechtzeitig um 11h aus dem Zimmer auszuchecken. Den Rest des Tages wollen wir dösend und Blog schreibend im Innenhof des Hostels verbringen um uns dann abends auf den Weg zum Flughafen zu machen. Diese Planung muss jedoch sogleich wieder über den Haufen geschmissen werden, als die japanisch sprechende Hostelbesitzerin die versiffte Toilette auf unserem Gang entdeckt. Während ND noch versucht auf einer sachlichen Ebene (und auf Japanisch) zu erklären, dass wir damit nichts zu tun haben, ist für sie die Sache klar, wir waren feiern, hatten den Schlüssel und sind angeheitert zurückgekommen, ergo: Wir haben das Klo ruiniert. Wir werden im Beisein des wirklichen Verursachers, der kein Wort zu unserer Verteidigung herausbringt und den wir natürlich auch nicht Anschwärzen des Hauses verwiesen.
Trotzdem lassen wir unserer Gepäck einfach im Hostel stehen. Ausgeschlafen wird sich also auf einer Parkbank. Erst der Noodledude und ich daneben über seinen Schlaf wachend, dann ich... Leider musste ND zwischenzeitlich auf die Toilette und ich werde abrupt von einem Ochsen in Uniform aus dem Schlaf gerissen. Er möchte meinen Pass sehen, eine Strafe kassieren, oder was auch immer. Nach einem äußerst unsanften aus-dem-Schlaf-gerissen-werden bin ich fast bereit dem Uniformierten meinen Pass zu geben. Zum Glück schreitet eine couragierte Frau mittleren Alters ein und verhindert diese Dummheit. Dachte man bis eben noch die Polizei in Bishkek ist unkomplizierter, wurde dieses Bild gerade zerstört. Wobei - Wer sagt, dass der Wecker wirklich ein Polizist war...
Da der Abend dämmert, wollen wir noch etwas essen gehen und machen uns auf den Weg in ein Restaurant mit kirgisischer Küche, was uns empfohlen wurde. Auf dem Weg werden wir dann noch einmal von der Polizei kontrolliert, wobei ND keine Lust mehr hat und sich konsequent weigert unsere Pässe zu zeigen. Er fragt warum und den Polizisten fällt auch nicht wirklich ein warum wir ihnen den Pass zeigen sollen, außer halt weil sie Polizisten sind. Unsere Blicke, gezeichnet von einem Monat Zentralasien, entschlossen zu allem und nicht gewillt unseren Pass zu zeigen, bewegen sie am Ende dazu sich zu trollen.
Unerwartet treffen wird das halbe Hostel in dem Restaurant. Jeder scheint bestens informiert über unseren Rausschmiss und wir werden sogleich als größte Pechvögel unter den Zentralasienreisenden tituliert. Als wir anfangen selbstironisch über andere unangenehme Situationen unserer Reise zu berichten, in denen wir scheiterten wird uns gemeinschaftlicher Respekt gezollt und obwohl das Essen nicht wirklich gut war, gehen wir zufrieden ins Hostel. Dort holen wir wortlos an der Inhaberin vorbeiziehend unsere Sachen und suchen ein Taxi.

Kommentare:

  1. Tja, was soll man dazu sagen? :-)

    Ich hätte die Einladung angenommen, das hätte auch euch bestimmt gut gefallen. Ich finde auch, dass die Kirgisen die angenehmsten Leute sind in ZA.

    Das Golden Bull füllt sich übrigens erst ab Mitternacht. Wir saßen auch immer ganz allein da, wenn wir da einliefen, was mir aber gut gefiel. Später war es meist gut gefüllt mit überwiegend jungen Frauen. Einige davon mögen auch Prostituierte gewesen sein, wie Nuria sagte, aber die meisten nicht.

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  2. Keine Ahnung, was mit dem Golden Bull war, aber vielleicht hat auch diese andere "Barcadi"-Location einfach zuviele Leute abgezogen. Sicherlich steht Kirgistan in Zukunft weiter auf der Liste von Ländern, die noch besucht werden wollen. z.B.: altes Auto in Deutschland kaufen, schnell nach Kirgistan, da Urlaub machen, das Auto verscherbeln und dann weiter über China nach Indien. Würd mich reizen.

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  3. Habe vor, nächstes Jahr wieder hinzufahren, muss ja ne neue Freundin finden, nachdem mich Nuria per mail verlassen hat :-)

    Wenn ihr von jemand hört, der mitfahren möchte, an mich weiterleiten. Allein reisen ist nicht schön.

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  4. Is klar, machen wir, alleine Reisen ist wirklich oft nicht so pralle... Hast Du schon ne Vorstellung von der Route?

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  5. Ja, diesmal ganz genau:

    Türkei, Georgien, Aserbaidshan, Kasachstan, Usbekistan, Tajikistan, Kirgistan

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